Mit Pferd und Mountainbike über den Brünig- und Sustenpass

Auf Pilgerrouten und alten Säumerwegen durch die Kantone UR, NW, OW & BE

Nach intensivem Studium der 9 Landeskarten und Recherchen im Internet wagen wir am 8. August 2006 unser grosses Abenteuer! Wir,das sind Roli und sein Mountainbike „Kettler“ sowie Yvonne mit dem 11-jährigen Vollblutaraber „Sheikho-el-Arab“. Die Route soll ab dem Stall in Attinghausen via den Brünig- und Sustenpass auf historischen Pilger- und Säumerwegen wieder zurück in den Kanton Uri führen. Da bei beiden Pässen mit schwierigen Passagen zu rechnen war haben wir vorgängig die Strecke (soweit möglich) mit dem Auto abgefahren um uns ein Bild über die Dimension unseres Vorhabens zu machen, die Tagesetappen einzuplanen und zwei Futterdepots fürs Pferd einzurichten. Eines war zum vornherein klar: mit ca. 200km wird’s eine anspruchsvolle Reise werden, und uns stehen nur gerade mal 4 Tage mit einigermassen gutem Wetter zur Verfügung. Dennoch wollen wir kein Risiko eingehen, damit Pferd und Wanderer/Biker die Route gefahrlos erwandern können. Neben dem Aufbautraining des Pferdes ist eine sorgfältige Gepäckplanung von grösster Wichtigkeit, treffen wir doch unterwegs neben Palmen und südlichem Ambiente in Bauen (436m ü.M.) auf rauhes alpines Klima und evt. Schnee auf dem Sustenpass (2304m ü. M.). Unsere Ausrüstung ist Top – aber wir hatten die Rechnung ohne unser Pferd gemacht! Gerade mal 20 Meter vom Stall entfernt beginnt das Theater: Sheikho akzeptiert die neuen Packtaschen nicht und zeigt seinen Missmut mit Bocken.
Einfahren des Drahtesels am Palangga-Bach, Attinghausen/Seedorf R(e)itt(i)er mit Ausrüstung Schloss A Pro

So kommt das Schlafsackbündel mit dem störenden Klettverschluss halt vorerst auch noch zu den Saccochen aufs Mountainbike, bis der erste Dampf raus ist... Nach diesem Intermezzo geht’s endlich los auf den schönen Reussdamm, dem Palangga-Bach entlang und dann durch Seedorf, vorbei am Kloster, dem Mineralienmuseum und Schloss A Proz. Uebrigens würde sich ein Besuch dieser „Kraftorte“ (siehe B. Merz, Orte der Kraft) sehr lohnen! Ausgangs Dorf biegen wir links ab auf den genussreichen Wanderweg http://www.weg-der-schweiz/.

Dank dem kühlen Wetter sind fast keine Wanderer unterwegs, so verlassen wir schon bald das Trottoir und nehmen den herrlichen Wanderweg direkt dem Vierwaldstättersee entlang (allg. Fahrverbot, Fahrrad müsste geschoben werden!).

Dabei wird unser Pferd gleich an unbeleuchtete Tunnels und knirschende Holzbrücken gewöhnt (fürs nächste Mal würden wir uns neuere Balken wünschen, es wäre sicherer…).

Morgenstimmung am Weg der Schweiz Ueber sieben Brücken musst Du gehn...

Eigentlich könnten wir in Bauen auch das Dampfschiff nach Treib-Seelisberg nehmen (gemäss Schiffahrtsgesetz muss es Fahrräder und Pferde transportieren). Man erspart sich dadurch zwar einen anstrengenden, schweisstreibenden und fürs Pferd anspruchsvollen Aufstieg über hunderte Treppen nach Seelisberg - die tolle Aussicht auf den türkisfarbenen „Urner“ See und die Berge entlöhnt jedoch alle Mühen. Inzwischen ist auch unser Pferd ganz zahm sodass wir das Gepäckbündel nun hochkant (!) auf dem Sattel befestigen können. Wie gut dass wir Reserve-Schnüre und Spanngummi zum „basteln“ dabeihaben.

Direkt am See Weg der Schweiz Bauen Seelisberg mit tollem Ausblick auf den Urnersee

Bei der Luftseilbahn erwartet uns eine kalte Bise und ein wunderbarer Ausblick auf das smaragdgrüne Seelisberger-Seeli. Wir finden eine pferdegerechte Abkürzung, überqueren die Strasse nach Emmetten und biegen in einen Wunderwald von unbeschreiblicher Schönheit ein! Absolut still ist es hier, nur Insektengebrumm begleitet uns auf dieser abwechslungsreichen Strecke. Unerwartet taucht die idyllische Brennwaldhütte auf, ein sauberer Platz für unsere Mittags-Pause.

Der kühle Seelisbergersee ladet ein zum erfrischenden Bade Brennwald: finde den Unterschied: irgendwo ist hier ein Biker versteckt!

Bald darauf kündigt die erste kleine Wegkapelle unsere weitere Route an: hier beginnt der http://www.jakobsweg.ch/, dessen braun/weissen Schildern wir nun folgen können. Dieser Pilgerweg führt nicht immer entlang gängiger Wanderrouten, sondern auf mittelalterlichen Spuren oft durch stille Weiler, vorbei an kleinen Kapellen über Wiesenwege durch Schluchten. Bei einer solchen Knacknuss stehen wir nun schon vor Emmetten. Eine Warntafel an der Brücke, Bergweg-Markierung – für Säumer ist’s klar: lieber die 4km schwach befahrene Hauptstrasse nach Beckenried runter nehmen als murxen und allenfalls umkehren! Roli will unbedingt den „Schluchtweg“ auskundschaften. So kommt’s dass dann eine Ehefrau mit Pferd eine halbe Stunde lang am See hin und her läuft auf der Suche nach dem Ehemann mit Bike, (der fährt inzwischen mangels zweitem Handy den Hügel runter und wieder rauf)... Der Schluchtweg ist übrigens nur für schlanke Wanderer ohne Rucksack gedacht, den Biker erwartet die Ueberwindung eines 2,5 Meter hohen Gitterzaunes mit 4cm Stacheln oben, da das Fahrrad nicht durch die nur 50cm schmale Klappe passt. Leider wurde die Hauruck-Methode und Klettertechnik von Roli nicht fotografisch dokumentiert! Der weitere Weg führt durch ruhige gepflegte Wohnquartiere mit herrlicher Seesicht. Abseits des Autobahnlärms und der Flugzeugpiste geht’s gemächlich ansteigend an stillen Weilern vorbei. Auf dem Jakobsweg sind keineswegs nur „Frömmler“ unterwegs, zuweilen gibt’s interessante Begegnungen: ein Jogger rennt mit einem Spiegel in der Hand rückwärts den Hügel rauf!? Er trainiert für die erste Rückwärtslauf-Meisterschaft aufs Stanserhorn…

Auf dem Jakobsweg mit
Ausblick über den Zaun in schöne Gärten und Quartiere mit Seesicht bei Buochs

Ein schönes Weglein führt vom Hügel runter in die Talebene vor Stans; in der Mitte Gras, rechts und links Beton. Schön für’s Auge und den Bauerntraktor, aber gerade als wir auf die Wiese ausweichen wollen rutscht das Pferd noch mit einem Huf auf dem Beton aus und landet unsanft auf dem Hinterteil. Ausser einem kleinen Kratzer ist zum Glück nichts passiert. Wir hoffen auf’s Verständnis des Bauern und führen das Pferd durch’s Emdgras geradewegs über die Wiese runter... Auch das Reitverbot über die Brücke der Engelberger-Aa „sehen“ wir nicht (ist eh nur wegen der Haftung) denn auf einen kilometerlangen Umweg haben wir keine Lust.

Pilgern heisst auch, jegliches Zeitgefühl zu verlieren. Wir laufen und laufen und stellen das Hirn auf „Bildschirmschoner“. Gut dass es uns in Stans noch 5 Minuten vor Ladenschluss in den Sinn kommt, dass nachher lange kein Restaurant mehr folgt. Hier beginnt der
wunderbare Wanderweg www.bruderklaus.com, 4 ½ Stunden auf einsamen stillen Naturstrassen bis Flüeli-Ranft! Die ersten paar Hundert Meter müssen wir jedoch auf der Asphaltstrasse via Ennetmoos umgehen. Ein Viehzaun und ein Reitverbot über einen Bauernhof zwingen uns leider dazu. Aber beim Weiler „Halten“ ist es endlich soweit, wir können auf den schönen Hügelzug aufsteigen und es einfach nur noch geniessen.

Freiheit, Ungebundenheit, wir rasten wo’s uns gefällt und finden eine herrliche Wiese am Waldrand für unser Nachtquartier. Das Zelt und die Elektroweide haben wir etwas versteckt aufgestellt. Verschwitzt, todmüde, auf der isolierenden Pferdedecke hockend
knabbern wir unser Abendessen als das Pferd plötzlich die Ohren spitzt und vor Aufregung aufhört zu mampfen. Oh, Oh, da besucht uns jemand! Knacken im Gebüsch, ein paar Rege huschen vorbei – da kommt ein junger Rehbock neugierig auf unser Lager zugetrabt! Der Wind weht günstig, der Bock bemerkt uns nicht. Still beobachten wir wie das „scheue“ Reh nur einen Steinwurf entfernt friedlich äst. Wie gut, dass uns das Pferd noch zu überstinken mag!!

Das Männchen im Ohr flüstert: Apfelpause! Pferd am Waldrand lockt Rehe an!
(am Bruder-Klausen-Weg)

Am Morgen sind wir alle drei steif und müde, der erste Sattelkontakt ist hart und zum Verdruss begleitet uns auch noch kalter Nieselregen. Gerade als es zu schütten beginnt erreichen wir das „Pilgerstibli“, eine Oase auf einem gastfreundlichen Bauernhof. Wie freuen wir uns nach den Entbehrungen über ein heisses Kaffee und ein blitzsauberes WC! Die Einträge im Pilgerbuch sind sehr interessant. Wir staunen wie wenig manche Leute brauchen um glücklich zu sein. Viele kommen von weither und sind begeistert ob der schönen Gegend in der Zentralschweiz. Oberhalb Kerns hilft uns eine Göttliche Fügung. Unschlüssig stromern wir hin und her: mit dem Pferd durch die Flüeli-Ranft-Schlucht zur Einsiedelei können wir nicht, die Strasse zur „hohen Brücke“ finden wir erst nicht und verirren uns Richtung Melchtal, nach soviel Stille wieder Asphalt ins Dorf runter wollen wir nicht – da entdecken wir drei Rehe am Waldrand und geniessen den schönen Anblick nach unserem Frust. Plötzlich hält ein Tierarztauto neben uns. Ungefragt empfiehlt er uns einen Wald- und Wiesen-Traumweg über ein Bauerngehöft, durch einen schönen Wald und dann entlang der rauschenden Melchaa nach Sarnen! Weil nur wenig Leute unterwegs sind und unser Pferd die Bahn nicht scheut reiten bzw. laufen wir via Sachseln kilometerlang direkt dem linken Seeufer entlang bis zum historischen Landgasthof Zollhaus und dem Naturschutzgebiet „Hanenried“ (allg. Fahrverbot, wird polizeilich kontrolliert, als Variante wäre die http://www.sbrinz-route.ch/ ab Alpnachstad dem rechten Seeufer entlang!)

Jakobsweg entlang dem Sarnersee Muskeltraining im steilen Kaiserstuhlwald

Hier erreicht uns die nächste Fügung: bei einem schönen Bio-Bauernhof am Jakobsweg wollen wir Käse kaufen. Zu dumm: Selbstbedienung, Mittagessenszeit, kein Münz und keiner da zum wechseln… Doch die Bäuerin sieht unser Pferd um die Ecke grasen und
eilt herbei. Hilfsbereit weist sie uns auf einen schönen Nebenweg, denn auf dem nächsten Bauernhof hätte uns wieder eine unüberwindbare Pferde- und Bikesperre erwartet.

In Giswil trifft der Jakobsweg auf die „Sbrinz-Route“, ein historischer Säumerweg, welcher weiter über den Grimselpass bis nach Domodossola in Italien führt. Ganz so weit planen wir’s nicht, und was die schönen Schildchen versprechen entpuppt sich für uns als kleine Enttäuschung. Idyllischer Buchenwald zwar, doch der Verlauf des alten Weges ist steinig und vor allem nach dem heutigen Nieselregen nass und mit einer mühsamen Bachtraversierung. Unser Herz, Lunge und die Beine spüren wieder mal was steil heisst! Der weitere Weg ist nicht ausgemäht und vor allem: nach der Bahngleisüberquerung überrascht uns ein nicht zu öffnendes Drehkreuz (die Schrauben und Muttern sind extra abgeschlagen, dass man es nicht aushängen kann) und dickster Draht – ohne Trennscheibe keine Chance! Statt auf schönen Matten aufwärts pilgern müssen wir mit dem Pferd über eine stotzige Wiese runterrutschen und zurück auf die Brünigstrasse. Ein netter 40 Tönner-Fahrer bremst unserem 1 PS sämtlichen Verkehr aus sodass wir die drei Kurven bis Kaiserstuhl gefahrlos bewältigen können (kein Trottoir!).

Die herrliche Terrassenaussicht und die hervorragende Küche des Gasthofes am unteren Rand des Lungernsees sind der Lohn für den beschwerlichen Aufstieg. Ein besonderes Vergnügen ist auch die Wanderung entlang dieser ruhigen Uferlandschaft auf mehrheitlich Naturstrassen bis zum oberen Seeende. Schöne alte Bauernhäuser fügen ich harmonisch in die Landschaft ein. Sitzplätze mit idyllischer Seesicht, ein Wasserfall und viele Blumen erfreuen das Herz jedes Reisenden.

Terrassenaussicht auf den Lungernsee Prächtige Bauerngärten in Obsee
Die Sitzbank ist noch älter als der Alpöhi! Ruhige Naturstrasse nach Lungern

Der alte Säumerweg ab Lungern zum Brünigpass ist anspruchsvoll und nur erfahrenen, trittsicheren und schwindelfreien Säumern/Bikern zu empfehlen! Ein Hangweg mit tiefen Ausblicken, in den Fels gehauene Treppenstufen aus der Römerzeit - aussichtsreich und
wildromantisch zwar schon, aber eben, ein mulmiges Gefühl begleitet uns. Vom Brünigverkehr merkt man kaum etwas, dann folgt ein kurzer schmaler Abstieg in das schöne Hochtal „Brünig Käppeli“ mit dem grossflächigen Weidegebiet Sewli. Als wir jedoch innerhalb weniger Meter gleich viermal (!) das fürs Pferd komplizierte Geleise der Brünigzahnradbahn überqueren müssen reisst uns fast der Geduldsfaden. Zwischen den Bahnschwellen könnten die Eisen oder gar ein Huf stecken bleiben und neben den Schwellen ist eng eingezäunt. Beim nächsten Mal werden wir auf den Radweg Nr. 9 auf die Brünigstrasse ausweichen...

Eine Schlucht zum Fürchten, rechts mit viel Tiefblick! Alter Saumweg zum Brünig mit
in den Fels gehauene Treppenstufen, vermutlich aus der Römerzeit, die alten Kalkplatten sind leider mehrheitlich verschwunden

Auf der Brünigpasshöhe (1007m ü.M) herrscht viel Trubel, da hier zwei Hauptverkehrswege aus dem Wallis und dem Berner Oberland zusammentreffen. Unbedingt sehenswert ist die „Brockenstube Hechenberger“: neben einem Sammelsurium verschiedener Kuriositäten bietet sich hier ein ideales Futterdepot, da 365 Tage im Jahr von 08.00 – 20.00h geöffnet! Unkompliziert „hütete“ das aufgestellte Team nicht nur kostenlos Pferdefutter - von „Grümpel-Sepp“ erhalten wir auch sehr wertvolle Tips für unsere weitere Wegesroute!

Brünig-Mätteli, Abzweigung „Sewli“ Hochtal auf dem Panoramaweg zum Hasliberg

Den kräftezehrenden Abstieg und Umweg über den Jakobsweg oder die Sbrinz-Route runter nach Meiringen ersparen wir uns. Historisch wärs sicher interessant, aber bei diesem regnerischen Wetter riskant für unser Pferd, da es viele steile und steinige Kehren hätte.
So bleiben wir auf diesem Höhenzug und biegen in den „Panoramaweg“ Richtung Hasliberg ein. Die Suche nach einem Nachtlager für uns gestaltet sich als unerwartet schwierig. Auf der ersten schönen Wiese lassen mehrere Verbotstafeln nichts Gutes erahnen. Zudem ist jeder Winkel von der Hauptstrasse aus einsehbar. Also weiter auf ein grandioses fast unbewohntes Hochtal mit viel Grün. Ein Pilgerhotel wäre in der Nähe, aber wir brauchen noch einen Platz für Sheikho. Die Aussicht auf ein wenig Wasser und Grünfutter für unser Pferd lassen Roli bei einem Bauernhof anklopfen. Aber ohalätz: unter keinen Umständen, nicht mal gegen Bezahlung dürfen wir das Pferd hier irgendwo grasen lassen!! Da hat der liebe Gott wieder Mitleid mit uns und schickt erst mal vier jugendliche Reiterinnen, die uns ungefragt anbieten doch mit zu ihrem Stall zu kommen. Unser Pferd klebt sofort wie ein Magnet an den Haflingern, überglücklich endlich einmal Artgenossen zu sehen. Erleichtert folgen wir ihnen in den versteckt auf einem Hügel liegenden Stall. Zufällig ist die freundliche Familie Neiger abends noch anwesend. Sie führen im Nachbardorf Hohfluh einen Reitbetrieb und haben hier einen Offenstall, randvoll mit Pferden belegt, die sich auf der Sommerweide befinden. Spontan und hilfsbereit bieten sie uns die Weide für Sheikho sowie einen windgeschützten Platz für unser Zelt an. Es weht ein kalter Wind, Nieselregen und Nebelfetzen hangen über dem Wald, auf 1000m ü. M. ist Anfangs August schon Herbst! Später sagen uns drei spielende junge Füchse gute Nacht bevor wir todmüde in unser gemütliches Zelt krabbeln.

Unseren idyllischen Lager-Platz sieht man von der Strasse aus nicht und findet ihn nur mit viel Glück!

Frühmorgens brechen wir wieder auf den schön angelegten Panoramaweg Richtung Wasserwendi/Reuti auf. Die Strecke ist ein Juwel, vorbei an blumengeschmückten Berner Bauernhäusern führt sie stets angenehm auf und ab über mehrheitlich stille Naturstrassen mit überwältigender Rundsicht auf die Berner Alpen.

Blumengeschmückte Bauernhäuser
säumen den Panorama-Weg
Blick zurück auf die Berner Alpen und Brienz

Vor dem Hotel Wasserwendi begrüsst uns eine Schar lustiger Gartenzwerge. Ueberraschend freundlich auch die Gastfreundschaft an diesem kleinen Ort. Unkompliziert heisst man uns trotz der nicht mehr taufrischen Kleidung willkommen und bietet uns ein herrliches
Frühstückbuffet an mit Panoramasicht auf die Berner Alpen und den Brienzersee! Motiviert und gestärkt ziehen wir trotz des wechselhaften Wetters frohen Mutes weiter auf ein schmales Weglein runter nach Reuti (nur für Trittsichere). Vorbei an schönen Alpweiden steigen wir auf zum Passübergang „Winterlicke“ (1391m). Hier geniessen wir einen letzten Blick auf das phänomenale Alpenpanorama Richtung Meiringen, bevor es gemächlich absteigend ins Gental runter geht.

Abwechslungsreicher Panoramaweg Richtung Reuti Stiller Panoramaweg zur Winterlicke

Wunderbar, kein Verkehr, nur Pfefferminz- und Thymianduft liegen in der Luft, stundenlang sind wir fast allein unterwegs! Bei Kaffee und Kuchen im gemütlichen Restaurant „Wagenkehr“ erfahren wir, dass eine andere Variante der „Sbrinz-Route“ von Engelberg herkommend über den Jochpass und Gentalpass hier durch führt und dass es eine Wanderweg-Abkürzung runter gibt. Doch das Weglein wird anscheinend nur noch von Ziegen begangen! Sehr reizvoll für den Biker, ich folge dem besseren Gefühl und wähle mit dem Pferd die knieschonendere Asphaltstrasse runter nach Nessental. Als wir im Tal unten wieder zusammentreffen ist Roli gerade dabei, 5 Zecken abzulesen!

Herrliche Alpweiden
auf dem Weg zwischen
Winterlicke und Gental

Ein Genuss ist die Strecke am rechten Flussufer des Gadmerwasser aufwärts. Zwei ältere Leute haben viele Chriesi-Chratten auf einen „Aebi“ geladen. Sie irren sich nicht etwa in der Jahreszeit, die Körbe füllen sie mit Heidelbeeren! Unser Mittagessen in Gadmen
fällt leider aus, da wir hier keine für’s Pferd gangbare Passage über den Fluss finden. In Obermad entdeckt Roli eine Notbrücke und so wärmen wir uns mit einer köstlichen Pizza im gemütlich geheizten Saloon des Campingplatzes. Unser Pferd ist der einzige
Gast neben einem leeren Tipi auf dem Zeltplatz.

Bergige Landschaft im Gental und Heidelandschaft am Gadmerwasser (Nähe Innertkirchen)
Anstrengender Aufstieg nach Obermad
Einziger Gast auf dem Campingplatz!

An unserem dritten Reisetag haben sich die Muskeln an die Belastung gewöhnt, auch nach acht Stunden sind wir immer noch fit und unser Araber läuft trotz Nieselregen wie ein Maschinchen, so können wir ein bisschen weiter Richtung Sustenpass ziehen. Seit dem
Unwetter 2005 ist in dieser Gegend nichts mehr wie vorher, dies merken wir schon nach 100 Metern. Das Wasser hat den „alten Saumweg“ über den Susten an einigen Stellen übel abgeändert. Bei fortgeschrittener Tageszeit wollen wir keine nervenaufreibenden
Umkehrmanöver riskieren und so weichen wir meistens auf die Passstrasse aus. Nur alle 5 Minuten treffen wir auf Motorverkehr, so können wir die wunderbare Alpenflora und die Heidelandschaft in Ruhe geniessen.

Impressionen vom Aufstieg zum Sustenpass

Mittlerweile sind wir in „Steingletscher“ auf einer Höhe von 1865m und da sich das Wetter weiter verschlechtert fragen wir in der Alpkäserei um Obdach. Spontan und sehr herzlich werden wir vom aufgestellten Aelpler-Team aufgenommen! Ein sauberer Stall, Heu, Stroh, Wasser für’s Pferd soviel wir wollen, Massenlager mit Dusche/WC im oberen Stock für uns, dazu ein feiner z’Nacht aus dem Käsereiladen. Luxus pur!! Obwohl’s draussen ungemütlich küblet behagt es unserem Ross gar nicht, allein und angebunden, den ungewohnten Geräuschen ausgesetzt im leer stehenden Kuhstall zu stehen. Noch immer nicht müde ist es kaum zu beruhigen und stampft die halbe Nacht dass die Späne fliegen und die Alphütte wackelt!

Jedem das Seine zum z’Nacht

Um 06.00h ist Tagwache für das Aelpler-Team und auch wir fassen Mistgabel und Besen. Im Stall finden wir auch Hammer und Zange um ein lockeres Hufeisen nachzuziehen. Wir informieren uns noch beim Aelpler Peter Luchs über den Zustand des Saumweges. Seit dem Unwetter 2005 ist dieser nur notdürftig repariert und so brechen wir mit unserem „Turbo“ stattdessen auf die Passstrasse mit ihren weitausholenden Kehren auf. Wenige Stunden bevor das Schweizer Fernsehen über 20cm Schnee auf dem Susten-Hospiz berichtet findet auf der Passhöhe ein kurzes Fotoshooting statt, die Teilnehmer: 1 Auto, 1 Pferd und 1 Mountainbike.

Steingletscher
und Alpenflora
am alten
Säumerweg
Aufstieg zur Sustenpasshöhe, 2304m ü. M.

Bei Hudelwetter und Schneegestöber verzichten wir auf den Gipfeltrunk und auch auf den alten Saumweg, der hier viel loses Gestein, Spitzkehren und nasse Schwellen aufweist. Durch den Tunnel verlassen wir schnell die Passhöhe und folgen weiter der Asphaltstrasse
bis zum Restaurant Sustenbrüggli. Auch hier werden wir herzlich begrüsst, der Wirt serviert Brot fürs Pferd und räumt ein paar Gartenmöbel beiseite damit Sheikho unter dem Vordach Schutz findet, währenddem wir uns im geheizten Stübli bei Kaffee und feinen Nussgipfeln aufwärmen.

Viel Abfall liegt neben der Passstrasse, darunter auch ein Schraubschlüssel samt „Engländer“. Man sollte seiner Intuition immer folgen und solch nützliche Dinge aufheben! Denn nicht immer sind zwei nette Männer vom Strassenunterhaltsdienst zur Stelle wie heute und
hebeln mit ihrem Werkzeug das Drehkreuz aus den Angeln, welches uns den Abstieg auf den Wanderweg im Meiental versperrt. Wie hatten wir Glück denn was uns hier erwartet ist noch viel schöner als auf der Tourenbeschreibung von http://www.trail.ch/! Ueber
die renaturierte Notstrasse folgen wir faszinierenden Naturstrassen auf dem alten Passweg hinab bis Wassen, begleitet von Kuhglockengebimmel und dem Rauschen der Meienreuss.

Auf der alten Sustenpassstrasse im Meiental

Leider ist der Wanderweg über die Autobahn-Galerie wegen dem Steinschlag in Gurtnellen gesperrt, sodass wir auf die alte Gotthardstrasse ausweichen müssen. Wer glaubt das sei langweilig irrt: beim Kraftwerk erhalten wir einen atemberaubenden Tiefblick in die Reuss-Schlucht runter und bei zwei Abkürzungen übt unser Pferd mal wieder Treppen runtersteigen (in Wassen) und raufsteigen (zum Kirchhof in Gurtnellen). Wegen dem schlechten Wetter umgehen wir den schönen Wanderweg via den stillen Weiler Ried und erreichen bald Amsteg, wo wir auf den idyllischen Radweg entlang des linken Reussufers abbiegen.

Alte Sust ob Wassen

 

Bogenbrücke
auf der alten Gotthard-Strasse

Bei einem letzten Halt auf dem wunderbaren Picnic-Platz „Wiler“ beschliessen wir, uns für den Heimweg zu trennen. Der Biker, durchgefroren und Nass möchte auf der linken Seite der Reuss bleibend über Erstfeld und den Weiler Ripshusen auf den schmalen Hochweg nach Attinghausen fahren. Dies geht mit den Packtaschen zu Pferd leider nicht! Vom Wiler her kennt unser Pferd den Heimweg. Es ist kaum zu glauben, nur mit einem Minimum an Futter im Magen und kaum Schlaf ist Sheikho ausdauernd genug um die letzte Strecke zum Stall in Rekordzeit zu absolvieren, nach wiederum fast 50km Tagesetappe. Die allseitige Freude über unsere Rückkehr ist gross. Glücklich danken wir dem Himmel für den Schutz und seine Intuitionen dass wir die eindrückliche Reise ohne Blessuren beenden konnten.

Am Reussdamm und zum Pic-Nic Platz „Im Wiler“

Fazit: Dieser Wanderritt war für uns einzigartig. Wir haben trotz wechselhaftem Wetter wunderschöne Augenblicke in faszinierenden Naturlandschaften erlebt, ritten nur höchst selten auf Hauptstrassen, was angesichts der Route doch erstaunte. Unser Pferd lief
stets interessiert vorwärts und freute sich sichtlich über diese Abwechslung. Die Beziehung zwischen Mensch und Pferd intensivierte sich von Tag zu Tag, wir waren täglich 24 Stunden zusammen an der frischen Luft und meisterten gemeinsam Schwierigkeiten. Der Wert einer solchen Tour liegt nicht nur in der (gesunden!) Bewegung, sondern auch in der gedanklichen Ablenkung durch das Betrachten der schönen Natur. Die einzige Sorge gilt dem Essen, Trinken und Schlafen, alle Alltags-Unannehmlichkeiten vergisst man
draussen, inmitten all der Schönheit, die einen umgibt. Eine Wanderung durch Wiesen und Felder, durch die Stille der Wälder wirkt wohltuend auf Hirn, Herz und Nerven! Für alle die’s auch gluschtet empfehlen wir die hilfreichen Detailbeschriebe und schönen
Fotos aus den erwähnten Internet-Links.

PS. So wär’s übrigens bei Sonnenschein im Meiental und Sustengebiet UR:

 
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